Ein Gastbeitrag von Petra Augustyn zu ihrem Impulsvortrag am Wiener Leadership Kongress 2017

Schon in den 1960iger Jahren antizipierte STAR-TREK-Autor Gene Rodenberry ein Szenario, in dem eine Maschine die Herrschaft über das Raumschiff Enterprise übernehmen – und damit Captain Kirk das Ruder aus der Hand nehmen sollte. Schon damals spielte man mit einem Szenario künstlicher Intelligenz. Damals herrschte ein früher Zeitgeist. Man las Marcuse, Hesse und Fromm lieber als Marx, Sartre und Freud. Wer besonders klug sein wollte, las Heidegger und McLuhan. Die alte Besatzung war ein, ohne Penetranz inszeniertes, politisch inkorrektes Abbild der Weltlage. Der Russe Chekov, Chinese Sulu und natürlich Lieutenant Uhura, die Frauen-Movement und Schwarzen-Bewegung in sich verband, machten das Raumschiff zur kleinen UNO. Somit praktizierte STAR TREK zur Zeit des Vietnamkriegs eine frühe und vorbildliche Form einer Art Entspannungspolitik. Auch die Auseinandersetzung mit technischen Entwicklungen, die die Menschheit massiv beeinflussen könnten, wurden in STAR TREK, vielfach durch die Euphorie der Mondlandung aufgezeigt. Die Enterprise war auf Entdeckungsreise, neue Planeten und Galaxien für die Menschheit zu finden. Doch dabei war sie – und das sollte uns zu denken geben – stets streng hierarchisch organisiert.

 

Das Jahr 2268 und die Superintelligenz M-5

Die USS Enterprise, unter dem Kommando von Captain James T. Kirk, wird zu einer Mission berufen. Die Enterprise soll ein Testschiff für einen revolutionären, taktischen Computer namens M-5 Multitronic Unit sein, entworfen vom brillanten Dr. Richard Daystrom. Die Superintelligenz M-5 wird dabei die Schiffsfunktionen und das Kommando über das Raumschiff übernehmen. Captain Kirk ringt mit seinem Unbehagen über den Fortschritt in der Technologie und überdenkt seine eigene mögliche Veralterung…

“Es gibt gewisse Dinge, die Männer tun müssen, um Männer zu bleiben.”
Kirk an Daystrom, nachdem der M-5 auf der Enterprise installiert wurde.

Im Laufe der Testphase zeigen sich zunehmend Unterschiede und Widersprüche in den Entscheidungen von M-5 und Kirk. Bei einem Landgang definiert M-5 Kirk und Mc Coy als „unwesentliches Personal“ und empfiehlt Astrobiologen Phillips auf den Planeten zu beamen. Währenddessen beobachtet Scotty, dass die Leistung auf den Decks 4 und 5 zusammen mit den Umgebungskontrollen für jedes Deck reduziert wird. Er spürt die Quelle der Stromausfälle auf und erkennt, dass sie durch M-5 verursacht werden. Kirk und M-5-Vater Dr. Richard Daystrom geraten aneinander. Kirk kritisiert Daystrom, dass M-5 nur Informationen verarbeiten kann, die ihm zuvor eingegeben werden. M-5 kann keine Werturteile abgeben. Daystrom weist dies zurück und beschreibt M-5 als einen völlig neuen Ansatz für Logiksysteme.

“Computer sind ausgezeichnete und effiziente Diener, aber ich habe nicht den Wunsch, unter ihnen zu dienen.“
Captain James T. Kirk.


Schlüsselattribute menschlicher Führung

Plötzlich wird die Enterprise von zwei Schiffen der Föderation anvisiert: ein simuliertes Kriegsspiel soll Erkenntnisse bringen, wie M-5 auf feindliche Schiffe reagiert. M-5 reagiert hier umgehend und manövriert das Schiff schneller, als es ein menschlicher Befehlshaber getan hätte. Sogar Spock stellt mittlerweile fest, dass so etwas wie ein Computer, der ein Raumschiff navigiert, nicht wünschenswert ist und erklärt, dass ein Schlüsselattribut der menschlichen Führung Loyalität gegenüber der Besatzung, der Föderation und der Menschheit sei. Währenddessen hat M-5 die Macht auf der Krankenstation übernommen und saugt immer mehr Strom ab. Kirk zieht sich in sein Quartier zurück, um über den immer erfolgreicher werdenden M-5 nachzudenken. Währenddessen greift M-5 unmotiviert ein Schiff der Föderation mit Photonentorpedos an und zerstört es, obwohl es absolut keine Bedrohung für die Enterprise darstellt. Captain Kirk versucht, M-5 vom Strom zu nehmen, um die manuelle Kontrolle über das Schiff wiederzuerlangen. Dr. Daystrom versucht immer noch, Ausreden und Erklärungen dafür zu finden. Kirk wird wütend. Er verlangt von Daystrom, M-5 sofort abzuschalten, aber Daystrom besteht darauf, dass er M-5 zuerst korrigiert. Währenddessen versucht Scotty M-5 Kraft zu entziehen. Dabei verbrüht M-5 einen Techniker mit einem Dreizack-Scanner so stark, dass er stirbt. Entsetzt und wütend beschimpft Kirk Daystrom dafür, dass er nicht in der Lage und nicht willens sei, M-5 zu deaktivieren. Daystrom entschuldigt sich weiterhin für das Verhalten von M-5 und beharrt darauf, dass der Techniker M-5 einfach im Weg stand und das sein Tod keine absichtliche Handlung gewesen wäre. Darauf stellt Kirk  Dr. Daystrom eindringlich die Frage, wie lange es wohl dauern würde, bis jeder auf der Enterprise M-5 in den Weg komme…

“Ich behaupte einfach, dass Computer effizienter sind als Menschen, nicht besser.”
Dr. Richard Daystrom


Diener welches Herrn?

Die leitenden Mitarbeiter auf der Enterprise arbeiten gemeinsam an einem Plan, um die Kontrolle zurückzugewinnen, indem sie sich auf eine bestimmte Relaiseinheit zwischen M-5 und der Brücke konzentrieren. Daystrom dagegen verteidigt M-5 weiterhin und sagt, die Intelligenz lerne, und außerdem würde der Fortschritt von M-5 den Menschen von gefährlichen Aufgaben befreien und Leben retten. McCoy bemerkt später gegenüber Kirk, dass Daystrom auf den Computer reagiert, wie ein Vater auf sein Kind. Spock beginnt währenddessen das unlogische Verhalten der M-5 Einheit zu notieren. Daystrom erklärt, er habe menschliche Engramme auf die Relais gepresst. Die Relais sind den Synapsen im Gehirn nicht unähnlich. M-5 bittet beim Oberbefehlshaber des Sternenflottenkommandos (Anm.: dem Chef von Captain Kirk) alle Schiffe der Föderation zerstören zu dürfen. Jetzt, wo M-5 nachweislich einen Mord begehen will, konfrontiert Kirk Dr. Daystrom erneut damit, M-5 zu deaktivieren. Daystrom wird daraufhin ungehalten und betont, dass er die Engramme, die in der Maschine eingeprägt sind, nicht verändern könne und, dass sein Renommee auf dem Spiel stehe. Spock bemerkt, dass die Selbsterhaltung, die der M-5 zeigt, wahrscheinlich eine Folge von Daystroms Engrammprägung ist: er wollte mit M-5 sein Abbild erschaffen. Kirk selbst versucht nun den Computer dazu zu zwingen, seine Verantwortung für den Tod von hunderten von Menschen zu erkennen. Tiefes Bedauern über die Todesfälle fühlend, schaltet M-5 schließlich von selbst ab. Spock und Scotty trennen dann den Computer von der Kontrolle des Schiffs. Kirk befiehlt eine Rückkehr zu Starbase.


Zukunftsvisionen zwischen gestern und morgen

Beamen wir uns wieder zurück ins Hier und Jetzt. Einst spielte STAR TREK ironisch mit einem liberalen Optimismus und expansionistischen Geist eines Commander James T. Kirk, der das New-Frontier Denken der Kennedy-Generation spiegelte, und im ironischen Egghead-Fanatismus eines Dr. Spock und in der skeptischen Humanität eines Pille McCoy Gegenpole vorgesetzt bekam. Es zeigte uns, dass humane Intelligenz, eine generelle, mentale Leistungsfähigkeit ist, die unter anderem die Fähigkeit besitzt, Schlussfolgerungen ziehen zu können, Probleme lösen und abstrakt denken zu können, komplexe Ideen nachvollziehen zu können, schnell von Erfahrungen zu lernen und dabei mit seiner Umwelt und den Mitmenschen in einer empathischen Wahrnehmung zu sein.

Seit den 1960 hat sich im Selbstverständnis der Computernerds und Futuristen wenig verändert. Das Moore´sche Gesetz (Computerleistung verdoppelt sich alle 18 Monate) ist weiter intakt. Vor Jahren jedoch begannen Physiker davor zu warnen, dass ein Ende des Moore´schen Gesetzes ab den 2020 Jahren absehbar sei. Somit wäre das Silizium Zeitalter und die dazugehörigen Chips, die uns in jedem Handy, Laptop etc. als Informationsspeicher dienen, obsolet. Das Silicon Valley würde zum Rostgürtel mutieren, weil die großen Firmen wie Facebook, Uber oder Google auf der Silizium Chip-Technologie aufgebaut sind. Es sei denn man fände bis dahin eine Ersatztechnologie. Nach den Gesetzen der Physik würde ab hier die Quantentheorie übernehmen  – wie das auf der Enterprise bereits Realität wurde. Materie dematerialisieren um dann wieder zu materialisieren (=beamen) wird allerdings nicht ad hoc möglich sein. Die Computerleistung würde immer noch exponentiell wachsen, doch die Verdoppelzeit verkürzt sich von monatlich zu mehreren Jahren. Für die Wirtschaft würde das bedeuten, dass neue Player auf den Markt rücken. Riesige Summen stünden auf dem Spiel. Zudem könnte die Antwort auf diese physikalische Frage die ökonomische Struktur des Kapitalismus zutiefst erschüttern.

In der damaligen digitalen Zukunftsvision schien letztlich alles möglich zu sein, doch das Kommando übergab James T. Kirk niemals an eine künstliche Intelligenz ab, sondern lediglich an Captain Jean-Luc Picard und seiner Next Generation.

Text: Mag. Petra Augustyn, Unternehmerin und Expertin für künstliche Intelligenz; www.ktschng.com

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