Digitalisierung: ein Auftrag an die Führung

Der nächste, große technische Entwicklungsschritt steht für uns Menschen vor der Türe, die Digitalisierung. Dabei stehen die Automatisierung der Arbeit und die Nutzung künstlicher Intelligenz für das tägliche Leben im Vordergrund. In verschiedenen Diskussionen und Artikeln fallen vor allem die Angstszenarien auf: es werden viele Arbeitsplätze wegfallen, Menschen werden durch Roboter ersetzt, der Mensch wird in den Hintergrund treten. Aktuell können wir nur erahnen, was das für die Menschheit bedeuten kann. In diesem Zusammenhang wird leider zu wenig über die Chancen für uns als Gesellschaft gesprochen, was die Digitalisierung für einen positiven Einfluss auf unsere Lebensqualität haben kann.

Automatisch wird das neue Normal

Das, was sicher auf uns zukommen wird, ist, dass der Mensch im Arbeitsprozess eine neue Rolle einnehmen wird. Arbeit per se wird sich wandeln. Zum einen, weil die nachkommenden jungen Generationen sinnvolle Arbeit und einen Nutzen-stiftenden Beitrag leisten wollen. Zum zweiten, weil viele niedrig qualifizierte Jobs und einfache Tätigkeiten von Maschinen und Robotern übernommen werden können. Für viele Jobs kann das allerdings auch eine große Entlastung bedeuten, wenn Tätigkeiten automatisiert werden oder diese von einem Roboter übernommen werden können. Was wäre, wenn wir durch die Automatisierung mehr Zeit und gedankliche Ressourcen für andere Aspekte unserer Arbeit habe? Für solche, für die wir gewöhnlich zu wenig Zeit haben? Was würde das für unsere Talente, unsere Kreativität und Lebensqualität bedeuten?

In vielen Lebensbereichen sind wir ja schon sehr gewohnt, dass Dinge automatisch ablaufen und uns dadurch auch unser Leben erleichtern. Vieles davon ist selbstverständlich geworden: der Tempomat im Auto, die universelle Verfügbarkeit von Daten über die Cloud, online Banking, und vieles mehr. Vor 10-15 Jahren war das noch ganz anders. Automatisierung ist also ohnehin schon ein fixer Bestandteil unseres Lebens. Die Automatisierung erfordert allerdings auch, dass wir als Individuen (nicht nur technologisch) mehr denn je am Ball bleiben müssen, um auch die Chancen, die sich aus der Digitalisierung ergeben auch persönlich nutzen zu können.

Vernetzung ist key

Durch die neuen Technologien ist auch heute schon eine ganz andere Form der Vernetzung möglich. Die sozialen Netzwerke zeigen es bereits seit Jahren vor. Und auch Unternehmen können sich diesem Trend nicht verschließen: schnell sind Produkte und Leistungen mit „Likes“ am Weg nach oben oder durch unzufriedene KundInnenerfahrungen sehr rasch wieder am Abstieg. Feedback vom Markt und den MitarbeiterInnen erfolgt heute viel unmittelbarer als noch vor wenigen Jahren und dieser Trend wird sich noch verstärken. Denn die nachfolgende Generation der Digital Natives ist bereits so aufgewachsen. Und das gilt nicht nur für die Produkte oder Leistungen von Unternehmen, sondern auch für die Unternehmen als Arbeitgeber. Freiheit und Zufriedenheit der MitarbeiterInnen wird künftig eine noch stärkere Rolle spielen. Aufpolierte Pressemitteilungen oder 08/15 Stellenausschreibungen werden künftig immer weniger punkten. Zu arbeiten, nur um Geld zu verdienen wird mittelfristig – in jedem Fall für einen Großteil der jungen Millenials – kein Anreiz mehr sein. Das haben sie auch von unserer Generation der 40+ gut gelernt und beobachtet, wie viele von uns in Erschöpfung und Burnout geschlittert sind. Auch Technolgogien wie die Blockchain zeigen, dass Vernetzung in Zukunft noch wichtiger werden wird. Dadurch erhöht sich die Transparenz und durch mehr Transparenz entsteht leichter Vertrauen, was wiederum einen Einfluss auf die Zusammenarbeit der Zukunft haben wird.

Der Auftrag an die Führung

In Zeiten der Digitalisierung hat die Führung – nicht nur in den Unternehmen – einen großen Auftrag. Allerdings mit anderen Schwerpunkten, als bisher. Natürlich geht es dabei auch um die Operationalisierung von Geschäftsprozessen, aber es wird auch noch stärker um “weiche” Faktoren gehen. In Zeiten der Digitalisierung wird nicht – wie so oft gemeint – weniger Führung benötigt werden, sondern mehr.  Eine Frage ist in diesem Zusammenhang auch, was mit den Erträgen aufgrund der gesteigerten Produktivität passieren wird, ob und wie diese verteilt werden: werden sich ein paar wenige bereichern oder werden diese Erträge für Kaufkraft verteilt werden. Hier sind auch die Regierungen am Zug.

Ich glaube, dass sich durch die Digitalisierung große Chancen für uns als Gesellschaft eröffnen können. Die Frage ist, wie wir als Menschen damit umgehen werden: ob Eigennutz in den Vordergrund treten, oder gesunde Eigenverantwortung, die auf andere nicht vergisst, die treibende Kraft sein wird. Ob wir einen Schulterschluss schaffen, oder uns gegenseitig übervorteilen. Es wird noch stärker um die Rahmenbedingungen für Zusammenarbeit gehen, um Authentizität, Vertrauen, gesunde Eigenverantwortung sowie interessante Aufgabenfelder, die es zu schaffen gilt und: den Fokus auf die Chancen zu richten.

Mehr dazu übrigens wir bei unserer Wiener Leadership Night am 12. September 2017.

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Neue Organisationsformen am Prüfstand: Märchen oder Blueprint?

Hierarchiearme oder gar hierarchiefreie Organisationen scheinen in den letzten Jahren der “neue Schrei” geworden zu sein. Wer etwas auf sich und sein Unternehmen hält, folgt diesem Trend – oder auch nicht. Unter dem Schlagwort “Selbstorganisation” hört und liest man immer häufiger von Organisationen, die neue Wege hinsichtlich der inneren Struktur gehen, die sich in Kreisen oder Netzen aufstellen und MitarbeiterInnen weitaus stärker mitbestimmen lassen als in der Vergangenheit.

Auch im Rahmen unserer Wiener Leadership-Veranstaltungen widmen wir uns immer wieder diesem Thema, so zum Beispiel bei unserer Wiener Leadership Night am 31. Mai 2017 im Looshaus in Wien 1.

Dazu hatten wir jemand eingeladen, der dem “Mythos Selbstorganisation” im Rahmen seiner Masterarbeit auf den Grund geht: Christian Hauser, ehemaliger Personalchef verschiedener namhafter IT-Player in Österreich stellt neue Organisationsformen auf den Prüfstand. Er hat die Leadership Night inhaltlich gestaltet.

Wir haben ihn im Vorfeld dazu befragt:

Herr Hauser, Sie waren bis vor kurzem in verschiedenen leitenden HR-Rollen tätig, zuletzt als Personalchef von Samsung Österreich, und haben sich nun eine Auszeit genommen, um eine Masterarbeit zu schreiben. Was hat Sie inhaltlich zu dieser Master-Arbeit bewogen?

CH:  Die Fragen, was Unternehmen erfolgreich macht und welchen Sinn sie verfolgen. Das hat mich schon immer brennend interessiert. Ich habe hauptsächlich IT Unternehmen, globale und regionale Player, westlicher und östlicher Prägung und ihre Organisationsmechanismen intensiv kennengelernt. Danach fragte ich mich: “war das alles oder gibt’s noch mehr?” So kam ich auf “neue Organisationsformen”, die einen gemeinsamen Nenner haben: sie agieren hierarchiefrei oder stark hierarchiereduziert.

Wie einfach ist es, in Österreich Unternehmen zu finden, die neue Organisationsformen umsetzen bzw. umsetzen wollen?

CH:  Ja es gibt sie tatsächlich, die Unternehmen mit neuen Organisationsformen. Manche hängen es an die große Glocke, die “Hidden Champions” muss man suchen. Wichtig ist, sich von Begriffen wie New Work, Holakratie oder Agilität, etc. nicht blenden zu lassen, sondern genauer hinzuschauen und nachzubohren, was denn “das Neue” konkret ist und wie es tatsächlich funktioniert. In die Transformationsreisen und in die “Experimentierlabors” Einblick nehmen zu dürfen, war extrem spannend in meinen qualitativen ExpertenInneninterviews im Rahmen meiner Masterarbeit.

Was waren für Sie zwei unerwartete Antworten und Erkenntnisse bei Ihrer Befragung der Unternehmen?

CH: Erstens: neue Organisationsformen haben nicht weniger Führung bzw. Führende, sondern sogar mehr. Jammern wird schwierig wenn man selbst im Driver-Seat sitzt und partizipativ Entscheidungen trifft.
Zweitens: Hierarchiefreiheit benötigt ein größeres Ausmaß von Entscheidungsstrukturen und Transparenz für alle. Das muss eine Organisation mal erbringen. GründerInnen und GeschäftsführerInnen genauso wie Mitarbeitende. Nachhaltige Selbstorganisation ist kein Honiglecken, sag ich nur.

Wenn Organisationsformen sich verändern und Hierarchien aufgeweicht oder gar abgeschafft werden, werden  sich auch die Arbeit und die Aufgaben der Personalabteilungen in den Unternehmen verändern. Welche Rolle wird in Ihren Augen HR in Zukunft haben?

CH: Erstens werden ohne hierarchischen Schutzmantel (“HR als Business Partner”) die Karten neu gemischt werden und der Druck gegenüber HR, Erfolgsnachweise zum Unternehmenserfolg zu bringen, wird noch massiver steigen.
Und zweitens wird auch HR experimentieren müssen und dürfen: neue HR-Methoden sind zwingend nötig. Neue Organisationsformen brauchen neue Lösungen, die derzeitigen Lehrbücher sollten wir am Besten gleich “kübeln”.

Wir danken sehr herzlich für das Gespräch.

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